Steh gerade, Kind!


Meine Oma pflegte immer zu mir zu sagen: "Halt Dich gerade, mein Kind. Sonst wirft Dich der Wind um." Heutzutage pfeift uns tatsächlich der raue Wind der Veränderung um die Ohren. Kein Wunder, dass Charakter und Haltung, klare Werte, nachhaltiges Handeln und Mut zu Transparenz und Authentizität wieder en vogue sind.


Von Birgit-Silke Goedde

Bildnachweis: Echtwort / Joe Plasmatico

 "Haltung" ist zur Zeit in aller Munde. Auf´s Tablett kam sie im Nachgang zum US-amerikanischen Schockerlebnis im November 2016 -  der Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der USA.  Weltbekannte Marken wie Coca-Cola sprachen sich im aufmerksamkeitsstarken Super Bowl Werbeblock im Februar 2017 klar für Diversität - und damit gegen seine Politik aus. Und gaben damit dem Reigen der Markenführung die Facette "politische Haltung" (zurück).  Obgleich das Thema "Haltung" zur Zeit, wie jeder "neue" Begriff im Marketingkosmos, beinahe zu Tode diskutiert wird, umschreibt "Haltung" einen denkbar einfachen Umstand: Den, nicht ein Fähnchen im Wind zu sein. Sondern klar und mutig Position im gesellschaftlichen Diskurs zu beziehen. Mit authentischen, echten und einfachen Worten und Geschichten.

Die Reaktionen auf die US-amerikanische Präsidentschaftswahl waren jedoch mehr Symptom denn Ursache des aktuellen Hypes um den Begriff. Seit langem brodelt das Thema im Untergrund. Warum?

Unsicherheit, Disruptionswahn und Innovationsüberschuss aller Orten prägen unsere Zeit. Die Lawine der künstlichen Intelligenz wird unsere Arbeitswelt unwiderruflich verändern. Lebenswelten zersplittern zusehends, Biographien gleichen zunehmend einer Patchwork-Decke. Individualismus wird immer größer geschrieben. Das Ende der Zielgruppenschubladen ist endgültig eingeläutet.  Aber: Der Katamaran des rasanten technologischen Fortschritt wird und kann nicht alle gleichermaßen mitnehmen.

Deshalb macht unsere Zeit einen neuen Humanismus notwendig. Marken sind aufgefordert, ihre Kommunikation auf Sinn und Sinnhaftigkeit abzuklopfen. Charakter und Haltung, klare Werte, nachhaltiges Handeln und Mut zur Transparenz und Authentizität werden zum Imperativ. Werte werden wieder wichtig. Generationenübergreifend entsteht eine neue Qualität der Achtsamkeit. 

 

Was sich ändert


Gesehen vor dem GLORE GREEN FASHION STORE in Augsburg.

Gesehen vor dem GLORE GREEN FASHION STORE in Augsburg.

1 Wir geniessen den Verzicht. 

Statt Verschwendungssucht und Kaufwahn feiern wir den postmodernen Minimalismus. Von Tauschbörsen über Codriving zu Green Fashion - gedankenlose Luxussucht ist out.  Besser denn Vivienne Westwood, die Grande Dame der Fashion Welt, bringt es allerdings niemand auf den Punkt. Anlässlich des Preview Events der Bread and Butter 2017 - die vom 1.-3. September in Berlin stattfinden wird - , sagte Frau Westwood unverhohlen ihre Meinung: "Buy less, choose better and make it last" . So weit so gut. Jedoch präzisiert die Fashionikone: "So this season - don´t buy anything". Das Zalando Team - Zalando ist seit 2016 der Eigentümer der weltbekannten Fashionmesse und Trendshow - muss bei diesem Statement hörbar geschluckt haben. 


2 wir werden wieder souverän.  

Unsere alltägliche Lebenswelt wird zunehmend digital. Und damit nicht zwingend einfacher. Die Digitalisierung fordert ihren Tribut in Form von Lebenszeit, stark verkürzter Aufmerksamkeitsspanne und psychischen Auswirkungen. Unsere neuronalen Strukturen verändern sich dauerhaft. Wem das bewußt ist, der entwickelt eine verfeinerte Sensibilität im Umgang mit Technik. Einfachste Variante:  Heute bleibt das Smartphone aus und wir lassen Zuckerberg Zuckerberg sein.


3 wir lieben LaLaland.

Die bodenlose Begeisterung für´s Digitale und der Neuerungswahn sind einer Sehnsucht nach Unbeschwertheit, nach nostalgischer Gemütlichkeit gewichen. Oder neudeutsch: Social Cocooning. Statt Egozentrismus und wilder Gelage wird heute eine neue Lagerfeuerromantik gefeiert. Der Wohnwagen ist auf einmal en vogue. Künstlerseelen legen sich einen Schrebergarten zu. Die Lust nach Authentischem und Bodenständigem überwältigt das Technorauschen. Auch und gerade bei jungen Fachkräften, die heute mehr suchen, als höher, schneller, weiter. Das fordert eine neue Führungskultur. Eine, für die mentale Stärke und innere Ruhe unverzichtbare Managerqualität ist. Eine, die befähigt ist, im Komplexitätswahn einen kühlen Kopf zu bewahren.


Neue Zeiten - Neues denken oder: Die Macht der Gefühle

Der unaufhaltsame Aufstieg der Technik überfordert unsere Seele. Der einmal etablierte Status Quo, unsere Normalität, gilt nicht mehr. Das schmerzt. So richtig. Wir müssen neue Fähigkeiten aufbauen: den Umgang mit Unsicherheit, die ständige Adaption an Veränderung, das unaufhörliche Dazu- und Umlernen. Das ist nicht jedermanns Sache. Der Terminus Resilienz wird wieder zum Modewort.

Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher und Inhaber des Zukunftsinstitutes in Frankfurt bringt es auf den Punkt:  In der globalen, digitalen Welt wird Identität zu etwas "flüssigem" . Und Achtsamkeit wird zur Kulturtechnik der reifen Individualität in einer konnektiven Welt.


So überleben  Marken im Morgen.

Wer sich als Marke in dieser neuen Welt behaupten möchte, für den bedeutet das: Lebensweltinterfusion statt Posaunen, Charakter statt Image, Haltung statt heile Welt, Gespräche statt Schrotflinten. Ohne werteorientierte und sinnstiftende Kommunikation ist nichts mehr zu holen. Unternehmen müssen authentisch und konkret handeln. Sie müssen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen. Nur dann können sie im rasanten gesellschaftlichen Wandel bestehen, mitgehen, nicht zur Randnotiz werden.